Mahnendes Gedenken in einer lebensfrohen Stadt, ein Spannungsfeld

25. Januar 2017

Ich bin unmittelbar neben dem ehemaligen KZ Sachsenhausen aufgewachsen und habe mir seit meiner Kindheit darüber Gedanken gemacht. So bin ich auch im Jahre 2004 auf meiner damals recht populären Radreise im KZ Sachsenhausen aufgebrochen und habe von dort einen Teil eines von KZ-Häftlingen gefertigten Klinkersteins in die zentrale israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gebracht. Deswegen bietet es sich an der Stelle an, aus meinem damaligen Tagebuch vorzulesen, in dem ich mir auch die Frage gestellt hatte, ob man in einer Stadt wie Oranienburg überhaupt fröhlich sein darf und wie man angemessen mit dem schweren Erbe der deutschen Geschichte umgeht.

Deutsche, die in Auschwitz weinen
Samstag, 25. September
Mein Kopf tut schon beim Aufstehen weh. Außerdem habe ich Husten und Schnupfen. Doch obwohl wir auch für Amman zwei fahrradfreie Tage eingeplant haben, kann ich es mir nicht leisten, liegen zu bleiben. Ich vermute inzwischen nämlich, dass wir in Israel einen wirklichen Eindruck hinterlassen können. Wenn wir in Yad Vashem aber erwartet werden sollten, möchte ich gut vorbereitet sein. Ich möchte meine wichtigsten Gedanken in einer Rede zusammenfassen und weil ich mir darüber bewusst bin, dass ich dabei Fehler machen kann, die ich mir nicht leisten möchte, soll Vati diese korrigieren und zurückschicken und weil ich die Rede außerdem in Englisch halten möchte, mein Englisch aber nicht gut genug zum Schreiben einer offiziellen Rede ist, soll diese nach Vatis Korrektur noch ins Englische übersetzt werden. Deswegen muss ich sie heute fertigstellen, obwohl mir das Denken im Moment schwerfällt. Weiterhin muss ich noch ein paar organisatorische E-Mails verschicken und zuletzt ist es mir ein Anliegen, in unserem Internettagebuch ein paar Worte zu Syrien und zu unserer aktuellen Situation zu schreiben. Morgen wollen wir dann mit dem Bus einen Tagesausflug nach Petra unternehmen, einen Ort, den ich unbedingt sehen will. Ich muss also nebenbei gesund werden. Als Allererstes gehe ich daher in die Apotheke und versorge mich mit einer Dosis Gesundheit. Dabei kommt mir der Umstand zugute, dass ich in Amman schon jetzt mehr Apotheken gesehen habe als in den letzten 4 Wochen zusammengenommen. Glücklicherweise tut auch das Klima meiner Erkältung gut und die mir verordnete Arznei ist obendrein recht preiswert. Amman ist einfach der denkbar beste Ort, krank zu werden.
Der gesamte Tag verläuft in einem sich immer wiederholenden Algorithmus. Ich gehe ins Internetcafé, schreibe, so viel ich kann, und kehre wieder ins Hotel zurück, um zu schlafen, bis ich mir die nächste Runde zutraue. Die organisatorischen E-Mails sind noch relativ schnell beantwortet, was mich aber wirklich belastet, ist die Rede. Auch wenn sie in meinem Kopf schon so gut wie fertig ist, fällt es mir doch schwer, meine Gedanken in Worte zu fassen. Ich bin so konzentrationsschwach, dass ich es nicht einmal fertigbringe, meinen niedergeschriebenen Text ein zweites Mal Korrektur zu lesen. Dabei hat er es definitiv nötig. Auch Aarons Rede ist verbesserungswürdig. Ich bitte ihn deshalb, seine Rede ebenfalls von meinem Vati korrigieren zu lassen. Er willigt gern ein.
Auf den Inhalt meiner Rede will ich an dieser Stelle noch nicht eingehen, was ich aber durchaus schon an dieser Stelle preisgeben kann, ist die Geschichte, über die ich seit Tagen nachdenke, weil sie einen Teil meines Willens erklärt.
Es begann in der Zeit der großen Konflikte, der Zeit, in der ich mich der Schule bereits entwachsen fühlte und sie vor allem anderen als Beschränkung wahrnahm. Ich absolvierte gerade mein letztes Schuljahr und unternahm meine letzte Klassenfahrt. Sie führte uns nach Krakau in Polen. Ich habe viele schöne Erinnerungen an diese Reise, es gab aber einen Tag, den ich am liebsten sofort vergessen hätte. Wir haben Auschwitz besucht, was ich als politisch interessierter Mensch wichtig und richtig fand. Ich wollte den schrecklichsten Ort der Menschheitsgeschichte sehen, wollte mit eigenen Augen sehen, wozu Menschen, wozu wir Deutschen in der Lage waren. Dann, im Verlauf unseres Rundgangs durch Auschwitz, fühlte ich mich mehr und mehr angewidert. Es waren aber nicht die Berge von Haaren hinter einer Glasscheibe oder die riesige Wand mit Fotos von Häftlingen, die nach den dazugehörigen Daten zumeist nur wenige Wochen überlebt haben. Es waren auch nicht die Tafeln, auf denen Fakten geschrieben standen, die über mein Verständnis hinausgingen. All das nahm ich zur Kenntnis, als ob ich gerade ein Buch, einen Film oder irgendein anderes der vielen Dokumente vor mir gesehen hätte, das mir aus einer dunklen, längst verschiedenen Vergangenheit heraus aufgedrängt wurde, die aber dennoch ein wichtiger Teil meiner Bildung sein sollte, um mich für die Zukunft zu lehren. Was mich wirklich angewidert hat, war ein Teil meiner Klassenkameraden. Manche von ihnen mochte ich sehr, andere wieder nicht, wie es eben menschlich ist. Danach habe ich an diesem Ort aber nicht unterschieden. Ich habe nach denen unterschieden, die apathisch, so wie ich, oder krankhaft lachend oder gleichgültig oder auf irgendeine andere Weise abwehrend reagiert haben, und denen, die geweint haben. Diejenigen, die geweint haben, haben mich angewidert. Wir waren allesamt deutsche Staatsbürger, keiner von uns war Jude. In Gedanken warf ich den weinenden jungen Deutschen vor, blind durch ihren Alltag zu laufen und der dunklen Vergangenheit nach Kräften aus dem Weg zu gehen, um sich nun, da sie sich doch diesem zutiefst wahren Ort stellen mussten, durch hysterisches Geheule ihrer Unschuld zu vergewissern. Ich wollte Auschwitz unbedingt sehen, aber das Bild weinender Deutscher war mir unerträglich. Konsequenterweise habe ich zusammen mit einem Freund eine Lehrerin darüber in Kenntnis gesetzt, dass wir beide nicht mit nach Birkenau zum eigentlichen Vernichtungslager fahren wollen. Die Lehrerin akzeptierte das anstandslos. So haben wir am Bahnhof auf die Übrigen gewartet.
Auch aus der Nachbereitung im Deutschunterricht später in der Heimat habe ich mich ausgeschlossen. Meine Gedanken waren mir viel zu intim für einen öffentlichen Austausch. Ich habe meine Arme verschränkt und betont ins Nichts geschaut. Eines der Mädchen, die in Auschwitz geweint haben und die ich dazu tatsächlich nicht leiden konnte, fragte mich aber vor versammelter Klasse, warum ich nicht mit nach Birkenau gekommen bin. In meiner jugendlichen Dummheit antwortete ich ohne Nachzudenken: „Weil ich das Geheule nicht ertragen konnte!“ Worauf sie mir mit ihrer Nachfrage einen der hasserfülltesten Momente meines Lebens bereitete: „Bist du etwa ein Nazi?“ Ich fixierte ihre Augen, war aber nicht in der Lage zu antworten. „Wie kann sie es wagen?“ Rückblickend weiß ich nicht zu sagen, ob sie mir bewusst eine böse Falle gestellt hat oder ob sie mich ebenfalls verabscheute, weil sie meine Haltung grundlegend falsch interpretierte. In der folgenden Zeit habe ich jedenfalls lange darüber nachgedacht, ob ich in Auschwitz und während der Nachbereitung überzogen und ungerecht reagiert habe.
Über ein Jahr nach Beendigung meiner Schulzeit wurde ich von den JUSOs meines Landesverbandes angesprochen, ob ich Lust hätte, mit anderen JUSOs Schulklassen auf einer Klassenfahrt nach Krakau zu begleiten. Ich nahm das Angebot umgehend an, denn ich sah darin die Chance, etwas in meiner Biographie geradezurücken. Diese Klassenfahrt war unserer ganz ähnlich, nur dass die Jugendlichen der Klasse, die wir betreuten, mit etwa 16 Jahren noch jünger waren, als wir es damals gewesen sind. Ich kannte schon die wichtigsten Orte in Krakau und hatte eine ungefähre Vorstellung, was die Jugendlichen dort erwarten würde. So versuchte ich als eine Art großer Bruder ihr Vertrauen zu gewinnen, um ihnen bei ihrem schweren Gang eine Stütze zu sein. Für mich lief die gesamte Reise letztendlich nur auf den Besuch von Birkenau hinaus. Die Jugendlichen hingegen hatten zumeist keine Ahnung, was auf sie zukommt. In Auschwitz beobachtete ich wieder meine Begleiter und mich selbst. Die Jugendlichen haben genauso unterschiedlich reagiert wie meine ehemaligen Klassenkameraden. Diesmal war ich aber nicht angewidert und diesmal bin auch ich mit nach Birkenau gefahren. Ich hatte Angst. Als wir dann den Hof des Vernichtungslagers betraten, konnte ich nicht fassen, was sich mir eröffnete. Der Ort war noch viel schlimmer, als ich es mir je hätte vorstellen können. Ich ging mit weichen Knien über den Platz. Neben mir lief eine Schülerin. Dann, mitten auf dem Platz schaute sie mich mit glasigen Augen fragend an. Ich zeigte ihr mit meinen Augen, dass auch ich keine Antwort habe, worauf sie traurig ihren Blick in die Ferne wendete. In diesem Moment habe ich eine Antwort auf meine alte Frage gefunden. Natürlich dürfen Deutsche in Auschwitz weinen!
Es ist so grausam, dass man jungen Menschen diesen schweren Weg zumuten muss. Die Notwendigkeit dafür würde ich aber nie anzweifeln. Es muss immer Menschen geben, die diesen Ort mit eigenen Augen gesehen haben! Niemals darf Auschwitz zur Legende werden!
Warum aber hat diese Geschichte mich dahin gelenkt, ein Stück meiner Identität in Israel zu suchen? Ich fürchte, dass Auschwitz noch immer die deutsche Identität in einer Weise belastet, dass viele Deutsche sich durch alles, was mit Auschwitz im Zusammenhang steht, zutiefst verunsichern lassen. Dabei geht es aber eben nicht nur um Nazis, sondern auch um Juden und die deutsche Identität an sich. Ich behaupte, dass selbst junge Deutsche meiner Generation große Probleme damit haben, solche Begriffe zu differenzieren. Ich glaube, Israel hat mir schon deshalb Angst gemacht, weil allein der Gedanke an Juden unmittelbar in Verbindung mit der dunkelsten Facette meiner deutschen Identität steht. Ich glaube, dass ich ein Bekenntnis wie „Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein!“ nie mit gutem Gewissen sagen könnte, obwohl ich ein Bekenntnis zum Nationalstolz keinem Franzosen, Briten oder US-Amerikaner vorwerfen würde, auch wenn die Geschichte dieser Nationen nicht nur aus Schmeichelhaftem besteht. Auschwitz hat eben eine ganz andere Qualität als alles vorher und später Dagewesene. Auschwitz hat die Frage aufgeworfen, ob sich die Menschheit überhaupt jemals wieder ihrer selbst erfreuen darf. Ich hoffe, dass ich mir bei einer Reise ins Land der Juden ein Stück mehr über meine deutsche Identität bewusst werde und darüber, dass auch Juden Menschen mit ganz alltäglichen Freuden, Hoffnungen und Sorgen sind. Wenn ich an Juden und an Deutsche denke, möchte ich nämlich nicht zuerst an Auschwitz denken müssen. Ich selbst fühle mich als Deutscher, und das, was ich persönlich in Deutschland erlebt habe, sind mit dem Fall der Mauer, der „Loveparade“ und der Versöhnung der europäischen Nationen zumeist schöne Dinge. Das Erbe aus Auschwitz aber wiegt so schwer, dass mich als Deutschen immer auch ein Schamgefühl begleitet. Ich kann und will mich meiner deutschen Identität wegen aber nicht fortwährend schämen oder sie gar ablegen. Auf diesen Konflikt erhoffe ich mir in Israel eine Antwort zu finden. Andererseits fürchte ich diese Antwort. Ich habe mich bereits darauf vorbereitet, wie ich mit möglichen feindseligen Konfrontationen umgehen werde.
Nach einem Tag, der mich nervlich sehr belastet hat, laufen Aaron und ich gegen Abend noch etwas durch Amman. Amman ist eine schicke und auffällig junge Stadt. Es gibt viele geschmackvoll angelegte Parks und fast alle Häuser wirken, als wären sie erst vor kurzem gebaut worden. Dafür hat die Stadt allerdings auch nicht einen so starken exotischen Reiz wie die syrischen Großstädte. Amman ist eine westlich orientierte Großstadt in einem arabischen Wüstenstaat. Davon zeugt auch reichlich Rolex- und Pepsiwerbung. Die Altstadt von Amman ist verhältnismäßig unspektakulär. Ein sehr gut erhaltenes Amphitheater gibt es aber doch. Außerdem ist der Obstsaft auch hier noch recht günstig. Meiner Gesundheit zuliebe entscheide ich mich für einen halben Liter Zitrone.
Bevor wir unsere wohlverdiente Nachtruhe halten, müssen wir noch ein letztes Mal ins Internetcafé. Ich habe beim Überfliegen meiner aktuellen Reiseinfos erschreckt festgestellt, dass ich bei all den vielen Worten, die ich im Internetcafé geschrieben habe, etwas ganz Wesentliches vergessen habe. Seit dem heutigen Sonnenuntergang findet der wichtigste Feiertag im Judentum, „Jom Kippur“, das Fest der Versöhnung, statt. Wir wünschen für diesen Tag unbeschwerliches Fasten!

 


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